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Ein Zebra rebelliert

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Können verkrustete politische Strukturen aufgebrochen werden? Wenn ja, wie? Welche Rolle spielt dabei Humor? Braucht man unbedingt ein Zebra? Oder können auch Giraffen es schaffen? 

Unser 34-minütiger Dokumentarfilm „Ein Zebra rebelliert“ wurde im April 2016 im RAI Sender Südtirol ausgestrahlt.

Schaut euch den kurzen Trailer an …

Falls ihr Lust auf den Film bekommen habt, könnt ihr ihn hier für € 2,90 erwerben: zur Video-On-Demand Seite.

Ein Monat lang könnte ihr den Film jetzt allerdings auch gebührenfrei hier auf unserer Website anschauen. http://wunderwerkstatt.it/ein-zebra-rebelliert

1. AKT

Unsere Geschichte spielt in Südtirol. In der zauberhaften, etwas verschlafenen Kurstadt Meran. Sie beginnt im Herbst 2012. Ein Mädchen wird am Schulweg auf dem Zebrastreifen angefahren. Sie wird ins Krankenhaus gebracht. Außer ein paar Prellungen ist ihr zum Glück nicht viel zugestoßen.

Dennoch schreibt ihr Vater, Paul Rösch, einen Brief an den Bürgermeister von Meran. Mit Vorschlägen wie dieser Übergang sicherer gemacht werden kann. Paul Rösch ist ein angesehener Bürger der Stadt. Er leitet das Museum für Tourismus in Schloss Trauttmansdorff und ist ehrenamtlich Präsident der Volkshochschule. Dennoch erhält er keine Antwort. Weder vom Bürgermeister, noch von der Verwaltung. „Muss erst Schlimmeres geschehen bevor jemand reagiert?“

Paul Rösch greift zu unorthodoxen Methoden: Er lässt sich ein Zebrakostüm schneidern. Wann immer er nun Zeit und Muße hat, schlüpft er in dieses Zebrakostüm und hält bei jenem Zebrastreifen den Verkehr an. Er hilft Passanten über die Straße und erregt Aufmerksamkeit. Die Medien reagieren. Die Gemeinde nicht.

Zwei Jahre später wird Paul Rösch von den Grünen in Meran gefragt, ob er selbst für das Amt des Bürgermeisters kandidieren will. Er zögert nicht. Er will gestalten. Das Problem: als Kandidat der Grünen ist es so gut wie unmöglich die Wahl im Mai 2015 tatsächlich zu gewinnen.

2. AKT

„Was würdest du tun, wenn du Bürgermeister wärst, für einen Tag?“ Diese Frage stellt Paul Rösch den Menschen in Meran. Die Antworten nimmt er auf Video auf und stellt sie ins Web. Er veröffentlicht diese Videos auch auf Facebook und Youtube. Er will damit die Politik „vom Kopf auf die Beine stellen“. Die Politik soll die Wünsche der Menschen ernst nehmen und umsetzen. Den Menschen in Meran gefällt diese Herangehensweise. Die Videos werden mit Freunden geteilt – und mit Freunden von Freunden.

Auch über seine eigene Motivation veröffentlicht Paul Rösch ein Video. Darin ist er als Zebra zu sehen. Wird die Bevölkerung seinen Humor verstehen und teilen? Die Kandidaten auf seiner Liste tun es. Sie streifen nun selbst im legendären Zebrakostüm durch die Kurstadt. Verteilen aber keine Prospekte. Beantworten auch keine Fragen. Werden vielmehr selbst zur Frage: „Was macht ein Zebra in der Kurstadt?“

Am Vortag der Wahl zirkulieren gereimte Zebrasprüche als Kurznachrichten.

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Ein Unterstützer veröffentlicht ein Zebralied auf Facebook 😉

Der politische Gegner zeigt sich davon unbeeindruckt. Die Südtiroler Volkspartei regiert Stadt und Land seit Jahrzehnten und setzt auf altbewährte Methoden. Sie spielt ihre ganze Macht aus. Vereine werden mobilisiert und mobilisieren ihre Mitglieder. Die Stadt versinkt in einer wahren Flut von Werbematerial und Inseraten. Die Titelseiten lokaler Medien werden zu Werbeflächen.

Doch ist der Rückhalt in der Bevölkerung noch da? In manchen Geschäften wird die Stadtzeitung verkehrt herum aufgelegt. Denn auf der Hinterseite befindet sich ein Inserat von Paul Rösch.

Am Abend vor der Wahl hat Paul Rösch das Gefühl, dass er tatsächlich sich selbst zur Wahl gestellt hat. Sein bisheriges Leben. Die Werte für die er steht.

Der Wahlabend bringt dann einen Erdrutsch.
Die SVP verliert 12 %. 6 % an die Nichtwähler. Und 6 % an Paul Rösch.
Sie rutscht ab, von 36 % auf 24 %.
Paul Rösch und die Grünen legen von 16 % auf 22 % zu.
Der Abstand zwischen SVP und Grünen schmilzt von 20 % auf 2 %.

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Paul Rösch und der SVP-Kandidat Gerhard Gruber werden also in zwei Wochen in einer Stichwahl um das Amt des Bürgermeisters gegeneinander antreten.

Im Lager von Paul Rösch herrscht Euphorie.

Diese Euphorie erhält allerdings einen Dämpfer als einige Tage nach der Wahl die Spitzenkandidaten der drei stärksten italienischen Parteien – rund 50 % der Bewohner von Meran sind Italiener – eine gemeinsame Wahlempfehlung für die Stichwahl abgeben: und zwar für Gerhard Gruber von der SVP. Gemeinsam mit ihm lassen sie sich fotografieren. Selbstbewusst lächelnd. Ein Regierungsprogramm für die geplante Koalition wird auch bereits vorgelegt.

„Wenn Gerhard Gruber Bilder veröffentlicht, die zeigen, dass die italienischen Parteiführer hinter ihm stehen, werde ich Bilder veröffentlichen, die zeigen, dass die Bevölkerung hinter mir steht.“ Paul Rösch ruft Freunde und Unterstützer zu einem Flash-Mob auf. (Eigentlich zu einem Clash-Mob.) Jeder und jede möge eine Papiertüte mitnehmen. Geprobt werde der „Knalleffekt für die Stichwahl nächsten Sonntag“.

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Und die Kurstadt erwacht. Hunderte Menschen versammeln sich. Alte und Junge. Man freut sich am Ungewohnten, träumt von Veränderung. Dem großen Knall folgt Applaus, Gelächter, Freude und Hoffnung.

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Unter den Menschen verbreitet sich nun der Virus der Kreativität: der Künstler Franz Pichler zeichnet eine Karte. Auf der Karte liest man: „Für die Meraner Kurstadt, einen Bürgermeister der Kultur hat.“ Die Taschenmanufaktur Olletog macht Umhängetaschen mit diesem Sujet und verteilt sie. Die Fotografin Hanae Yamashita fotografiert drei hübsche junge Frauen mit diesen Taschen und macht eine Art Kinoplakat daraus: „Drei Engel für Paul“. Auf einem zweiten Bild mit dem Titel „Drei Bengel für Paul“ imitieren drei Lausbuben ihre Mütter.

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Bei der Konfrontation der Spitzenkandidaten im Meraner Stadttheater gibt Paul Rösch eine legendäre Antwort auf die abschließende Frage des Moderators: „Warum sollen die Bürger und Bürgerinnen Sie wählen?“ „Weil ich Humor habe.“

3. AKT

Doch dieser Humor sollte am Freitag vor der Stichwahl auf eine harte Probe gestellt werden. Jemand hatte der Südtiroler Tageszeitung Akten aus dem Touriseum zugespielt. Vor 15 Jahren hatte Paul Rösch für das Touriseum ein Depot angemietet, das seinem Schwiegervater gehörte. Und obwohl an dem Vorgang nichts unkorrekt war, titelt die Tageszeitung nun: „Rösch schanzt seinem Schwiegervater 360.000 Euro zu.“ Diese Zahl stellt den kumulierten Mietbetrag von 10 Jahren dar.

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In den Sozialen Medien schlägt diese Meldung wie eine Bombe ein. Die Stimmung kippt. Der Tenor: Es sind doch alle Politiker gleich. Die Wahl scheint verloren.

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Doch Paul Rösch veröffentlicht im Lauf des Vormittags ein Video-Interview mit authentischer Information. Jetzt bewährt sich der direkte Kanal, der in den letzten Wochen auf Facebook und im Web aufgebaut wurde.

Die Stimmung in den Sozialen Medien dreht sich neuerlich. Nun zum Positiven. Und am Nachmittag ist Paul Rösch bereits wieder zu Scherzen aufgelegt. Er veröffentlicht eine Fotomontage, die ihn selbst als Harry Potter zeigt. Der Kommentar dazu: „Mit einem kleinen Abwehrzauber gegen die dunklen Künste werden wir diese Situation überstehen.“

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Trotzdem kostet es ihn viel Überwindung abends aus dem Haus zu gehen, zu einer Filmpräsentation im Meraner Kurhaus. Am liebsten wäre er an diesem Tag unsichtbar geblieben. Als aber die Menschen nach dem Film auf ihn zukommen, wird ihm klar, dass er eine Feuerprobe bestanden hat. „Wer andere besiegt, mag stark sein, wer aber sich selbst besiegt, ist mächtig.“ So oder so ähnlich formulierte es der chinesische Weise Lao Tse.

Der Ausgang der Stichwahl ist dennoch, nach diesem Schwarzen Freitag, mehr als ungewiss.

Am Abend der Stichwahl breitet sich daher in der Gemeinde Meran zunächst fassungsloses Erstaunen aus, als die ersten Resultate aus den Wahlkreisen eintreffen. Bezirk für Bezirk das gleiche Bild: Paul Rösch erhält über 60 % der Stimmen. Ein politisches Erdbeben. Paul Rösch gewinnt die Stichwahl überlegen und wird in der zweitgrößten Stadt Südtirols zum ersten grünen Bürgermeister Italiens.

 

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Eine Woche danach legt er die Kette des Bürgermeisters von Meran an und wird feierlich angelobt.

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Noch im Sommer richtet er in Meran eine Ideensammelstelle ein. Jeder Wunsch und jede Idee aus der Bevölkerung wird nun im Web veröffentlicht und mit einem Umsetzungsdatum versehen.

Einer von diesen Wünsche wird im November 2015 angepackt werden. Ein Zebrastreifen wird sicherer gemacht. Es ist jener Zebrastreifen, wo drei Jahre zuvor die Tochter des Bürgermeisters Paul Rösch von einem Auto angefahren wurde.

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